Trinkwasserversorgung

Dezember
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Norbert Demmelbauer, 55, ist Leiter der Großprojekte beim BBM. Seit seinem 21. Lebensjahr ist er in der Entwicklungszusammenarbeit tätig.
Unter anderem absolvierte er einen siebenjährigen Einsatz in Nicaragua. 1990 stieg er auf Honorarbasis beim BBM ein und wurde 1995 angestellt. Demmelbauer ist etwa drei Monate pro Jahr unterwegs, vor allem in Ostafrika, um BBM – Projekte zu begleiten, in Schulungen das notwendige Know-how weiterzugeben und nicht zuletzt um mit der Bevölkerung in den Einsatzorten ins Gespräch kommen.


MB:
Du warst praktisch vom Anfang an dabei. Was konnte der BBM in den 25 Jahren aus deiner Sicht bewirken
?

ND: Der BBM ist aus der Notwendigkeit technischer Expertise für Hilfsprojekte entstanden. Entwicklungsexpertinnen und –experten fehlt sehr oft das technische Know-How. Der damalige Direktor Franz Xaver Kumpfmüller hat diese Herausforderung erkannt und konsequenter Weise einen Bereich ins Leben gerufen, der genau das abdeckt.
Am Anfang standen meist Projekte, in denen europäische Organisationen und Missionsorden die Inhalte vorgaben. Jetzt kommen dagegen vorwiegend die lokalen Partner direkt auf uns zu, um unsere Erfahrung zu nutzen.
Schon seit 1997 haben wir den Schwerpunkt auf Ökologie gelegt – lange bevor es in der Entwicklungszusammenarbeit als Thema erkannt und zum Schwerpunkt gemacht wurde. Wir installierten solare Wasserpumpen, wasserlose Toiletten, Anlagen zur biologischen Abwasserreinigung oder setzten Photovoltaik anstelle vorhandener Generatoren oder auch in Kombination mit ihnen ein. Wenn wir unsere Systeme in Krankenhäusern, Schulen, Radiostationen oder Werkstätten eingebaut haben, sehen die Menschen sehr schnell eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. In den Krankenhäusern kann man die Kühlgeräte für Impfungen und Blutkonserven mit Solarstrom betreiben. Eine Operation ist jederzeit möglich. Vielen an Malaria erkrankten Kindern kann man mit Sauerstoff aus O-Konzentratoren das Leben retten. Die Liste an Beispielen ließe sich fortsetzen.


MB: 
Wie sehr muss ein Techniker auf die Kultur des jeweiligen Landes achten?

ND: Die kulturelle Komponente ist oft entscheidend für das Gelingen eines Projektes. Bräuche und Tradition spielen eine wesentliche Rolle. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass in manchen Gesellschaften weiße Moskitonetze nicht verwendet werden, weil Weiß die Farbe des Totentuches ist. Bei den wasserlosen Toiletten verwenden wir häufig Asche, um Fäkalien rascher zu trocknen und den pH-Wert anzuheben. Das tötet die Keime ab. Aber in manchen Kulturkreisen hat auch Asche eine negative Bedeutung. Wenn man das weiß, kann man gegebenenfalls Asche durch Kalk ersetzen.


MB: 
Wie hat sich die Arbeit in den letzten 25 Jahren geändert?

ND: Wir haben über Jahrzehnte sehr viel institutionelles Wissen aufgebaut und können nun in Ostafrika auf ein lokales Netzwerk von ausgezeichneten Technikern, die von uns ausgebildet wurden, zurückgreifen. Ingenieure aus Europa und Ostafrika arbeiten gemeinsam an der Planung der jeweiligen Projekte.
Früher kamen die Materiallieferungen vorwiegend aus Europa. Das hat sich durch den Aufbau lokaler Produktionsstätten stark verändert. Wasserleitungsrohre werden zum Beispiel heute in Uganda produziert. Sie sind von guter Qualität und kostengünstiger als Konkurrenzprodukte aus Europa. Wir sehen unsere Aufgabe darin, Preise und Qualität lokal und international zu vergleichen und so das Optimum für die Projektpartner herauszuholen.
Wir haben im Vergleich zu früher auch unsere Beratungstätigkeit verstärkt. Und wir verwirklichen öfter innovative Projekte. Zum Beispiel hat im nördlichen Süd-Sudan ein Expertenteam unter der Führung des BBM einen energie-autarken Operationssaal geplant. Er wird jetzt gebaut. Die Projekte sind auf jeden Fall komplexer geworden und nehmen einen längeren Zeitraum in Anspruch.


MB: 
Was ist bei der vom BBM angebotenen Hilfeleistung gegenüber der Zeit der Gründung anders geworden?

ND: Von der reinen Beschaffung hin zu mehr Beratung, Ausbildung und gemeinsamer Planung und Umsetzung. Wichtig für uns war und ist, unseren Projektpartnern im Süden den Zugang zu neuen, hochwertigen Technologien zu ermöglichen. Der afrikanische Markt ist mit Geräten überschwemmt, die bei uns schon obsolet sind. Dabei handelt es sich um Neugeräte, die teuer gekauft werden müssen. In unseren Projekten setzen wir auf neue und robuste Technik und bilden gleichzeitig die lokalen Techniker dafür aus. Die eingesetzte Technik muss von unseren lokalen Experten verstanden werden, nur so kann man eine lange Laufzeit der Geräte gewährleisten.


MB: 
Warum legt der BBM in seiner Entwicklungszusammenarbeit so viel Wert auf Nachhaltigkeit?

ND: Der Begriff der Nachhaltigkeit ist vielschichtig. Bei den technischen Aspekten sind es vor allem extreme klimatische Bedingungen, die den Geräten zusetzen. Zum Beispiel haben Kühlschränke, die in Österreich gut funktionieren, oft keine lange Lebenszeit im subtropischen Klima. Die hohe Umgebungstemperatur, Luftfeuchtigkeit und in der Trockenzeit der Staub setzen jedem technischen oder medizinischem Gerät zu.
Nachhaltigkeit umfasst aber viel mehr. Wir haben eine eigene Liste von Kriterien. Nachhaltig ist für uns,

  • was sinnvoll ist und gebraucht wird (Effizienz und Effektivität)
  • was in der Anschaffung und Erhaltung leistbar ist
  • was lokales Personal installieren und bedienen kann
  • wenn für viele Jahre die Verfügbarkeit von Ersatzteilen gewährleistet ist
  • was lokal gewartet und repariert werden kann
  • was den Umweltbedingungen und äußeren Einflüssen standhält
  • was erneuerbare und lokale Ressourcen nützt
  • was lokal oder möglichst nahe produziert wird
  • was die Rolle der Frau in der Gesellschaft stärkt
  • was gut für Gesundheit und Umwelt ist


MB: 
Warum sind die BBM-Projekte in den Bereichen Stromversorgung, Wasser und Hygiene so wichtig?

ND: Durch die biologische Reinigung des Abwassers werden die Trinkwasserressourcen geschützt. Gereinigtes Abwasser wird in manchen Projekten auch zur Bewässerung von Obstbäumen verwendet – so spart man Trinkwasser. Solarstrom bringt in vieler Hinsicht eine Verbesserung der Lebensumstände: Solar Home-Systeme in den Hütten verbessern das Licht und verringern die Brandgefahr – ein Großteil der Hütten ist ja mit getrocknetem Gras gedeckt. Solare Wasserpumpen am Dorfplatz verbessern die Lebensqualität der Frauen und Kinder. Brunnenwasser ist sauberes Wasser, dadurch bekämpft man die „water born diseases“, also jene Krankheiten, die durch verunreinigtes Oberflächenwasser entstehen können.


MB: 
Was war dein bisher schönster Moment in der Entwicklungszusammenarbeit?

ND: Mein schönster Moment als EZA-Techniker war, als wir während der Ebolakrise in Uganda (2000/2001) innerhalb von drei Monaten eine neue Spitalswäscherei installiert haben, um weitere Infektionen des Wäschereipersonals mit dem tödlichen Virus zu verhindern.

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